Veränderungen gestalten und Bemühungen sichtbar machen.
In diesem Beitrag werde ich meine aktuellen Vorhaben in der Beschäftigung mit ‚Präfiguration‘ skizzieren und damit verbundene Konzepte und Ansichten auf soziale Bewegungen, Transformation und politisches Handeln.
Seit mehreren Jahren widme ich mich in meinen Studien und in praktisch-politischen Tätigkeiten zunehmend Fragen, die mit dem Verständnis und der Anwendung von Theorie und Praxis von Präfiguration zusammenhängen. Was ist damit gemeint?
Bei Präfiguration geht es darum, in Theorie und Praxis Wege zu finden, wie ich die Welt, die ich mir zukünftig wünsche, schon jetzt realisieren kann, soweit eben unter gegenwärtigen Rahmenbedingungen möglich. Paul Sörensen schreibt dazu in ‚Präfiguration zur Einführung‘: „In aller Regel wird Präfiguration dabei als transformationspolitisches Instrument verstanden, das darauf zielt, im Hier und Jetzt soziale Beziehungen, Praktiken und Institutionen zu etablieren, die einen Vorschein der jeweils angstrebten Gesellschaft darstellen“.1
Des weiteren gilt Präfiguration als „politisches Bildgebungsverfahren in zweifacher Hinsicht“.2 Das meint, dass ich im präfigurativen Handlungsvollzug stets dazu lerne, also mich bilde im Sinne von ‚Bildung bekommen‘ und gleichzeitig immer auch Vorbild für andere bin. Denn Präfiguration kann Inspiration, Motivation, Impulse geben und ebenso dazu dienen, neue Verfahrensweisen einzuführen, für ein wohlwollendes und bedürfnisorientiertes Miteinander im Rahmen transformatischer Vorhaben.
Alissa Starodub schreibt in ‚Lasst es glitzern, lasst es knallen: Politische Theorie und Praxis für die Utopie‘ weiter: „Der Begriff Prefiguration kann genutzt werden, um die Vielfäligkeit von Widerstand gegen bestehende, unterdrückerische Verhältnisse aufzuzeigen; um zu zeigen, dass sowohl Riots und Besetzungen als auch ökologisches, solidarisches Gärtnern und Wirtschaften der gleichen horizontalen Logik einer gesellschaftlichen Utopie folgen können – die es wert ist, verteidigt zu werden. Der Begriff ist mehr als ein Konzept, das mensch über bestimmte Politikformen legen kann, um sie zu erklären. Es beschreibt eher eine Art der Bewegung in Richtung Utopie, die potenziell überall auftreten kann, um soziale Transformation von unten zu erzeugen.“3
Dieser Bewegung habe ich mich verschrieben und versuche derzeit in meinen (Forschungs-)Vorhaben diesen Begriff und die damit verbundende Haltung für mich und andere produktiv zu machen.
1. Präfigurativ Schreiben
Präfigurativ Schreiben ist ein Experiment was ich derzeit im Wintersemester 2025/2026 im Rahmen meines Masterstudiums der ‚Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation‘4 an der Universität der Künste durchführe.
Dem Unterfangen liegt zum Einen die These zu Grunde, dass (1) Präfiguration im Vollzug ein ‚gemeinsames Tätig-Sein von Menschen in ihrer Pluralität des Daseins’5 voraussetzt. (2) Des Weiteren, dass dies beim Schreiben von Texten zu und über Präfiguration, eine Berücksichtigung finden sollte, insofern das Ziel von Präfiguration ja ist, die Welt gemeinsam zu verändern und dabei die Theorie und Praxis des gemeinsamen Handelns – mit Präfiguration als doppeltem Begriff, für politische Theoriebildung und gleichzeitig als Konzept für politische Praxen – so nah wie möglich zusammenzubringen, d.h. eine möglichst große Kongruenz in der Mittel-Zweck-Beziehung zu erzielen.6
Es geht bei präfigurativen Politiken darum, als Menschen miteinander darüber in Verbindung und Austausch zu gehen, wie eine zukünftige Gegenwart und Gesellschaft ausgehend der jetzigen Voraussetzungen des eigenen und kollektiven Seins erreicht werden kann, und diese im Hier und Jetzt schon so weit möglich bereits umzusetzen. Darüber und dazu lässt sich sowohl wissenschaftlich, als auch erzählend & experimentell Schreiben.7 Präfiguration hat laut einer Definition von Paul Raekstad & Sofia Saio Gradin immer auch einen experimentellen Charakter, als “the deliberative experimental implementation of desired future social relations and practices in the here-and-now”.8 Und sind informiert aus Erkenntnissen feministischer, queerer sowie anti-rassistischer Theorie und Errungenschaften politischer Bewegungen dazu.9
Erzählungen über die Welt in der wir leben, in der wir leben wollen, konstruieren zu einem Teil unser Sein und unsere Vorstellungen von Welt. “[Denn] durch das Erzählen befragt der Mensch nicht nur sein Selbst und seine Welt, er gibt beiden immer auch eine bestimmte (vorläufige) Form und einen bestimmten (vorläufigen) Inhalt. […] Insofern sich Menschen auf sich selbst beziehen, beziehen sie sich auf Erzählungen. Insofern sie sich auf Erzählungen beziehen, beziehen sie sich auf sich selbst”.10 Derartige Erzählungen können im Rahmen von Texten stattfinden, da schien es mir naheliegend, einmal das (gemeinsame) Schreiben als experimentellen und offenen Prozess zu betrachten und umzusetzen, vollzogen in einem Geflecht sozialer Beziehungen, mit darin bereits angelegten und vorhandenen Veränderungswünschen, unterschiedlichen Absichten und Positionen hinsichtlich einer kollektiven Welt-Gestaltung.
Was bedeutet nun davon ausgehend ‚Präfigurativ Schreiben‚? Wie und wo fängt das an? Wie sieht das aus? Wie fühlt sich das an? Wie kann das geschrieben und beschrieben werden? Um Antworten auf diese Fragen näher zu kommen, geht es in diesem Experiment. Verbunden mit dem Ziel, im Schreiben (und den darin und darüberhinaus entstehenden Beziehungen) so nah wie möglich an eine präfigurative Praxis des gemeinsamen Tätig-Seins heranzukommen, wo das (kollektive und miteinander) Schreiben als Prozess ebenso in den Fokus genommen wird, wie der Inhalt des Schreibens im Ergebnis als Text. Mit darin angelegten Transformationsprozessen im mehrfachen Sinne. Schreibt mir gerne, wenn ihr euch daran beteiligen wollt.
Die Ergebnisse dieses Vorhabens werde ich hier zu gegebener Zeit veröffentlichen.
2. Über Präfiguration sprechen
Ich führe in meinem Bekanntenkreis derzeit vermehrt Gespräche darüber, warum mir Präfiguration als Begriff und Konzept hilfreich scheint, gegenwärtige alltägliche (politische) Praktiken zu beleuchten, neue Impulse zu setzen und zu bekommen, als auch um darüber zu sprechen, was wir uns jeweils für die Zukunft wünschen, wie wir den Weg dahin bestreiten wollen und wie wir dies in Beziehungen eingebunden zusammen da hin kommen können.
Im Januar bin ich dazu im Sinneswandel Podcast von Marilena Berends eingeladen, um darüber zu sprechen. Hört gerne in die Folge zu ‚Utopie‘ mal rein.
Wenn ihr mit mir in den Austausch treten wollt, schreibt mir gerne eine email an: praefiguration@thomaslehnen.de
Bis dahin.
„Ich schreibe, weil mich die Welt zutiefst beunruhigt. Buchstaben machen die Unruhe für mich fassbar. Und ich schreibe, weil ich Veränderung will.“11
- S. 10, in Sörensen, P. (2023a). Präfigurative Politik: Eine Einführung. Mandelbaum. ↩︎
- S. 14, ebd. ↩︎
- S. 17, Starodub, A. (2020). Lasst es glitzern, lasst es knallen: Politische Theorie und Praxis für die Utopie. edition assemblage. ↩︎
- weitere Informationen zum Studiengang: https://www.udk-berlin.de/studium/gesellschafts-und-wirtschaftskommunikation/ ↩︎
- S. 17, Arendt, H. (2018). Arendt, H. (2018). Vita activa: oder Vom tätigen Leben. Piper. ↩︎
- vgl. S. 98, Sörensen, P. (2023). Präfiguration: Zur Politizität einer transformativen Praxis. Campus. & S. 10, Baker, Z. (2023). Means and Ends: The Revolutionary Practice of Anarchism in Europe and The
United States. AK Press. ↩︎ - siehe Starodub, A. in (2020). Lasst es glitzern, lasst es knallen: Politische Theorie und Praxis für die Utopie. & (2025). Zukunft ohne Grenzen. Ideengeschichte und Gegenwart der Grenzziehungen. edition assemblage. ↩︎
- S. 10, Raekstad, P. & Gradin, S. (2020). Prefigurative Politics: Building Tomorrow Today. Polity Press. ↩︎
- S. 3, ebd. ↩︎
- S. 2, Weiland, M. (2019). Mensch und Erzählung: Helmuth Plessner, Paul Ricoer und die literarische
Anthropologie. J.B. Metzler. ↩︎ - S. 11, Kurt, S. (2022). Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist. Harper Collins. ↩︎